Vollprothesen bei Rheuma-Patienten: Oft ohne Grund eingesetzt

Wieso werden bei Rheuma-Patienten häufig Vollprothesen statt Teilprothesen eingesetzt? Und warum sind Menschen mit Rheuma mit einer Knie-Operation im Frühling oder Sommer besser beraten als in der kalten Jahreszeit? Antworten auf diese Fragen gibt Dr. Mathias Bender, Chefarzt der Unfallchirurgie und Orthopädie und Leiter des Endoprothetikzentrums der Maximalversorgung in der Klinik Bad Windsheim am Beispiel seiner Patientin Frau Götz.

Warum haben Sie Frau Götz zu einer Teil- statt einer Vollprothese geraten?

Dr. Mathias Bender: Frau Götz ist jung. Ihre medikamentöse Rheumaeinstellung ist gut. Zudem gibt es mittlerweile sehr potente Rheumamittel. Früher wurden alle Rheumapatienten immer mit Vollprothesen versorgt, um bei der OP eine komplette Entfernung der Gelenkinnenhaut mit durchzuführen. An der Gelenkinnenhaut spielt sich im Wesentlichen das Rheuma ab.

Mittlerweile hat dieses alte Dogma nicht mehr uneingeschränkt Bestand. Man darf mittlerweile ausgewählte Rheumapatienten mit guter medikamentöser Einstellung auch mit Teilprothesen versorgen, und zwar mit gutem Erfolg. Natürlich muss die Patientin alle Voraussetzungen für eine Teilprothese mitbringen, insbesondere ein funktionstüchtiges vorderes Kreuzband besitzen. Beides war bei Dorothy-Ann Götz der Fall: Sie hatte ein funktionstüchtiges vorderes Kreuzband und hat ihr Rheuma medikamentös gut im Griff.

Leider führen viele Operateure zwar den Einsatz einer Vollprothese durch, wie empfohlen, leider dann aber doch nicht die sogenannte Synovektomie (Entfernung der Gelenkinnenhaut). Viele Vollprothesen werden bei Rheumapatienten also ohne Grund eingesetzt. Das beklagt unser Rheumatologe im Haus immer wieder, wenn Patienten extern operiert wurden.

Waren die von Dorothy-Ann Götz geschilderten Meniskus-Operationen ein Grund, den Einsatz eines künstlichen Gelenks so lange hinauszuzögern?

Dr. Mathias Bender: Meniskusoperationen bei vorliegender Arthrose sind nach heutigem Stand der Wissenschaft obsolet, solange keine Einklemmungserscheinungen auftreten. Man weiß, dass die Patienten nach der Arthroskopie häufig nicht gebessert sind, sondern weiterhin Schmerzen haben, teilweise sogar stärkere Beschwerden als vor der Spiegelung. Beide Meniskus-Operationen hätte man sich sparen können.

Warum ist es gerade für Rheuma-Patienten sinnvoller, sich in der warmen Jahreszeit (Frühling oder Sommer) operieren zu lassen? Was sind die Vorteile?

Dr. Mathias Bender: Die Rheuma-Aktivität ist häufig in der kalten Jahreszeit bei nasskaltem Wetter höher. Und natürlich bringen Wetterverhältnisse im Herbst oder Winter auch eine gewisse Sturzgefahr mit sich, weshalb als Patient mit Verlassen der eigenen vier Wände vorsichtiger agiert wird. Auch die Motivation, die Wohnung zu verlassen, häufiger rauszugehen und mehr Aktivität zu entwickeln, ist in sonnigen Zeiten höher.